Ihr müßt Leiter leiten

Kommentare von Harvey Jackins in einer Wahlversammlung von Angehörigen der Arbeiterklasse in NC in Europa, 1990

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Harvey: Aus meiner Erfahrung als Leiter dieses Projektes, ist es sehr einfach, daß jedermann mitmachen wird, wenn eine Person der Arbeiterklasse die Leitung übernimmt. Wenn ich mit sechzig Leuten der Besitzenden Klasse zusammen bin, streiten sie ein bißchen, aber dann sagen sie zu mir: "Sag' uns was zu tun ist". Daher seid ihr ein deutliches Vorbild. Wenn ihr euch bewegt und die Dinge tut, von denen ihr wißt, wie man sie erledigt, werden die Leute euch folgen. Die Mittelklasse versucht, einen klaren Kopf zu behalten, um die richtigen Dinge zu tun, aber sie wurden viel mehr verwirrt als ihr es erlebt habt. Menschen der Besitzerklasse sind, unterhalb ihrer Muster, gute Leute, aber ihre Muster veranlassen sie, sich selbst zu quälen und sich selbst zu hassen. Sie wissen nicht, wie man etwas bewegt, sie wissen nicht, wohin sie gehen sollen weil es sich für sie wie der Tod anfühlt, wenn sie nicht das tun, was ihre Eltern ihnen gesagt haben.

Wir sind nicht derart verwirrt. Wir sind schüchtern, wir werden leicht abgelenkt und wir werden leicht verwirrt. "Komm', trink' ein Bier und vergiß' es, Joe." Wir haben Muster, die uns erzählen, wir seien dumm, und wir neigen dazu zu glauben, wir seien machtlos. Wir leben jedoch in dieser Unterdrückung und wir sehen, welch ein großer Mist das ist. Die Leute der Mittel- und die Besitzerklasse denken immer noch, es sei die einzige Art zu leben, und das macht uns so wichtig. Es ist nicht so, daß wir heiliger sind als sonst irgendjemand oder tugendhafter als sonst jemand. Wir wissen eben Bescheid. Wir haben eine bessere Verbindung zur Wirklichkeit. Im Allgemeinen hat uns das Leben gelehrt, wenn eine Arbeit erledigt werden muß, ist es die einzige verdammte Sache, die es zu tun gilt, sie zu erledigen. Deshalb sind wir nicht besser als sonst jemand. Aber wir sind auch wenigstens so gut wie jedermann sonst, und, wenn wir wollen, daß die menschliche Rasse überlebt, denke ich, wir sollten diese Aufgabe anpacken.

Ich verspreche euch und ich glaube, ich habe es euch vorgemacht, daß die Leute der Mittel- und der Besitzerklasse hinter uns stehen und uns folgen werden, wenn wir einfach los gehen. Ihre Muster wollen es nicht, die Gesellschaft will es nicht. Ihr müßt auf Polizisten und auf Bewaffnete und auf Unfälle achtgeben. Aber wir sind schlau genug, mit ihnen umzugehen. Wir haben das schon etliche Male bewältigt. Ich möchte sehen, wie sich diese Gruppe hier entscheidet, daß NC in den Niederlanden und in Deutschland von jetzt an richtig geleitet wird und daß Ihr es tun werdet. Ihr müßt nicht die ganze Arbeit tun. Ihr sagt den anderen Leuten, was zu tun ist. Das wird ein große Erleichterung für unsere Muster sein. Ich würde gerne ein Netzwerk von Koordinator/innen der Arbeiterklasse in beiden Ländern sehen - Leiter/innen der Arbeiterklasse, die Netzwerke aus Leiter/innen der Arbeiterklasse bilden, Leute, die die Arbeiterklasse organisieren und auch alles im NC leiten, wenigstens bis zu dem Maße, dass sie herausfinden, dass die Richtlinien vernünftig sind. 

Versammlungsteilnehmer: Wenn ich um 5 Uhr früh aus dem Haus gehe und um 10 Uhr nachts nach Hause komme, wo soll ich die Zeit her nehmen, um das zu tun, was du sagst, Harvey? Ich glaube, ich sollte mein Leben ändern. Ich sollte Zeit für mich selbst haben, Zeit zu counseln und Zeit Arbeiter zu unterstützen. Zunächst sollte ich Zeit haben, Literatur zu lesen. Ich bin nicht auf gute Schulen gegangen, weil wir das Geld dafür nicht hatten und die NC-Literatur ist auf so einem hohen Sprachlevel geschrieben, daß ich nicht verstehe, wovon die Rede ist. Und wenn ich all das erledigt habe, dann bin ich immer noch nicht da, wo ich sein will, weil ich die Arbeit immer noch nicht angegangen bin. Deshalb ist es zu einfach zu sagen, es komme nur auf dieses und jenes an und das wär' alles.

Harvey: Gut, die augenscheinlich einfache Antwort ist, daß es unmöglich ist, daß wir aufhören, es zu versuchen und aufgeben. "Laßt uns alle nach Hause gehen." Das ist die Antwort, an die ich auch jeden Morgen zuerst denke. Wenn ich über all das nachdenke, was ich heute zu tun habe, will ich nicht aufstehen. Wenn Du wegen deinem Job morgens um fünf zur Arbeit gehst und nachts um zehn nach Hause kommst, schlage ich vor, Du solltest unverzüglich einen neuen Job annehmen. Es wird immer zu viel zu tun geben. Auch wenn wir eine anständige Gesellschaft haben, werden wir zehn mal mehr Dinge tun wollen, als wir Zeit haben. Wie können all die Dinge getan werden, die getan werden müssen? Du mußt andere Leute dazu bringen, sie zu erledigen. Ich sage, Ihr müßt Leiter sein. Der einzige Weg, daß ihr gut genug leiten könnt, ist es, Leiter zu leiten. Ist das schwer? Ja. Braucht das mehr Zeit als du hast? Es scheint immer so. Könnt Ihr es tun? Ja. Gut meinende Freunde sagen immer: "Harvey, Du arbeitest zu viel – Du mußt was von deiner Arbeit an andere abgeben." Vor zwanzig Jahren war ich der einzige NC-Lehrer, und jetzt gibt es etwa ungefähr 2.143 von ihnen. Vor achtzehn Jahren war ich die erste Gebiets-Referenz-Person und jetzt gibt es 240 davon. Vor zehn Jahren war ich die einzige Regionale Bezugsperson und ich habe die ganzen Arbeiten gemacht, die Regionale Bezugspersonen machen. Heute gibt es sechzig. Vor nicht langer Zeit gab es vier Referenzpersonen für die Internationale Befreiung und jetzt gibt es zweiunddreißig von ihnen. Es gibt immer noch nicht genug Leiter/innen. Ich bin die ganze Zeit mit meiner Arbeit in Verzug. Ich bin vollkommen unzufrieden damit, wieviel ich erledigt bekomme, aber die Dinge funktionieren und die Gefühle, daß es zu viel ist, sind eben Gefühle.

Versammlungsteilnehmer: Du hast sonst nichts zu tun – du hast nur dies.

Harvey: Aber das begann, als ich kleine Kinder hatte. Und damals wußte ich die Dinge nicht, die ich Euch jetzt vermitteln kann.

Versammlungsteilnehmer: Es ist sehr gut, daß ich in die Niederlande gekommen bin, denn in Deutschland gibt es fast keine Leute aus der Arbeiterklasse in NC. In den letzten acht Jahren hab' ich nicht einen von ihnen gesehen. 

Harvey: Ich würde vorschlagen, das Erste, was Du tust, geh', finde jemanden und bringe ihm oder ihr NC bei. Niemand erwartet von Euch, über Nacht eine Gemeinschaft für die ganze Niederlande aufzubauen. Ich möchte, daß Ihr meine Arbeit in ungefähr zehn Jahren übernehmt, aber nicht morgen. Hauptsächlich sind es unsere eigenen Gefühle, unsere eigenen Aufzeichnungen, die uns so unglücklich machen. Es ist eine sehr beruhigende Tatsache, daß die Aufgabe, die ich heute nicht erledigt bekomme, morgen auf mich warten wird. Ist dieser Gedanke irgendwie hilfreich?

Ich möchte gerne, daß wir ein Netzwerk aus Leiter/innen der Arbeiterklasse quer durch diese Länder planen, und wenn Ihr entmutigt werdet, geht zu eurer Unterstützungsgruppe und gebt lautstark auf. Nachdem du etwa fünfmal aufgegeben hast, ist es so langweilig, daß alles andere besser erscheint. Das Format der sogenannten Wygelian-Leitergruppe erspart ungeheuer Zeit: Ihr müßt euch nicht so oft treffen. Ihr trefft euch niemals regelmäßig. Jedesmal, wenn du eine neue, andere Aufgabe möchtest, frage eine Freundin, ob sie an deine Stelle tritt und als Leitung die Arbeit übernimmt, die du hattest. Alle Freunde die du fragst, sich zu beschäftigt, zu müde, zu unkundig fühlen. Sie können es möglicherweise nicht tun. Aber wenn du mit etwas Vertrauen dreimal fragst, wirst du entdecken, daß unterhalb der Entmutigung und Ermüdung eine Person steckt, die sein oder ihr ganzes Leben darauf gewartet hat, daß gehofft wird, daß er/sie Leitung übernimmt. Sie werden alles für die Gelegenheit tun. Bei all den Schwierigkeiten eines Lebens in diesem miesen System, ist es das Schlimmste, daß unser Leben bedeutungslos gemacht wird. "Es ist egal was wir machen, nichts wird jemals irgendwie geschafft werden. Leute tun etwas für Geld und damit sie Lob bekommen, aber sie werden ihr Leben dafür riskieren, um etwas Inhaltliches zu haben, etwas Wesentliches zu tun und etwas Bedeutungsvolles in ihrem Leben zu haben.

Reicht das? Gut, ich weiß nicht, welche von euch die Welt-Leiter der Arbeiterklasse werden, aber mir ist klar, daß jeder von euch es kann. Und ich bin ziemlich sicher, daß jeder von euch es tun wird, so weit sich die Möglichkeiten für Euch eröffnen. Ich möchte gerne, daß jeder von euch davon ausgeht, daß ihr in der Verantwortung steht, - daß, wenn R. die Bezugsperson der Arbeiterklasse im niederländisch sprechenden Gebiet wird, daß das bedeutet, daß ihr diejenigen seid, die auf ihn acht gebt und die sich darum kümmern, daß er seine Aufgabe vollbringt, indem ihr die richtigen Fragen zur richtigen Zeit stellt oder ihn ermutigt oder lobt, wenn das vonnöten ist. Oder, wenn es so aussieht, als wenn er seinen Weg verliert, aufsteht und sagt: "R., Was für Aktivitäten unternehmen wir als Arbeiterklasse?" Geh' davon aus, daß du derjenige bist, der tatsächlich hinter den Kulissen die Fäden in der Hand hat.

 In Rational Island Publishers (Hg.): Working for a Living. Nr.7, 1998, S. 3-4, Seattle.

Übersetzt von Ingo Schudak und Ralf Wagner, März 2008


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