In Gefahr stark sein: Die Geschichte einer arabischen Frau

Interview mit Eileen Kaady, geführt von Cindy Cumfer, bearbeitet von Eileen Kaady 

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C:        Du bist hier, um eine Erfolgsgeschichte zu erzählen. Was ist passiert?

E:        Ein Mann drang mit einem Messer in meine Wohnung ein, mit der Drohung mich auszurauben und zu vergewaltigen. Was ich so erstaunlich daran finde, wie gut es eigentlich abgelaufen ist, war, dass ich mich auf meine Counselfähigkeiten und die vielen Stunden als Klientin verlassen konnte. 

C:        Was ist passiert nachdem er deine Wohnung betreten hat?

E:        Er ist sehr schnell und ärgerlich auf mich losgegangen, und ich nehme an, ängstlich. Er hat mich ergriffen und das Messer an meinen Hals gehalten. Er ergriff mich und hielt mir ein Messer an den Hals, riß mir den Bademantel herunter und stieß mich aufs Bett. Zeitweise war ich schrecklich verängstigt und dachte,” jetzt ist es aus. Jetzt werde ich sterben.“. Aber wenn die Hoffnungslosigkeit mich einen Augenblick lang verließ, wurden einige Richtungen deutlich. Ich habe an Inzest und früher körperlicher und seelischer Misshandlung gearbeitet, und da fiel mir die Richtung ein, dass ich mir das nicht noch mal antun lassen muss. Ich habe in sein Gesicht geschaut und mir wurde deutlich bewusst, dass ich in der Gegenwart eines Menschens war, und ich wollte auf den Teil von ihm eingehen, der Unterstützung brauchte und der verletzt geworden war und gut war. Als ich diese Momente von Klarheit hatte, konnte er sich zurückziehen und ich konnte aufstehen und mich bekleiden. Ich habe gezittert und stark geweint. Ich habe immer gedacht, dass ich in einer solchen Situation selbstbeherrscht und cool sein würde. Dass ich mich so heftig entlastet habe, hat ihn verunsichert. In der Entlastung steckt eine Kraft.

Ich war vier Stunden lang Counselerin und bin mit ihm „auf einer Welle geschwommen“. Es gab noch mehrere Vergewaltigungsversuche. Dann kam der Punkt, an dem ich wusste, dass ich die Situation unter Kontrolle hatte. Einmal hätte ich auch Hilfe holen können, aber ich habe es nicht getan. Ich habe mich entschlossen, bei ihm zu bleiben. Das Counseln hat seine Wirkung gezeigt.

C:        Wann hast du das Gefühl gehabt, dass du die Sache in der Hand hattest und was hat dazu geführt?

E:        Das erste Mal, als er sich zurückzog, wusste ich, dass ich es hinkriegen konnte, obwohl er noch mehrere Versuche gemacht hat. Ich sagte Dinge wie „Ich sehe, dass es schwierig ist für dich, aber ich weiß, dass es nicht das ist, was du willst. Es gibt andere Möglichkeiten, mit dieser Situation umzugehen.“ Wenn er etwas sagte oder tat, was im geringsten auf ein Wiederauftauchen hindeutete, ließ ich es ihn wissen.

C:        Was ist passiert, um es endlich zu lösen? Hast du das Gefühl, dass du zu einer Lösung gekommen bist?

E:        Ja. Er hat in diesen Stunden viel über sein Leben mitgeteilt: viele Kindheitsverletzungen und einige seiner Ziele. Irgendwann habe ich ihm gesagt: „Wir müssen Vertrauen zueinander haben. Ich muss darauf vertrauen können, dass du mich nicht verletzt, und du musst genug Vertrauen in mich haben, dass ich dir helfen kann, eine Lösung zu finden. Dann werde ich nicht die Polizei anrufen.“ (Dies ist kein genaues Zitat.)

C:        Hast du die Polizei angerufen nachdem er weg war?

E:        Nein. Ich habe die Polizei nie angerufen. Das war Teil unseres Abkommens. Nach drei Stunden ist er zu mir gekommen, hat das Messer hingelegt, hat sich umgedreht und auf sich meinen Schoß gesetzt. Diese Unterwerfung war so eine Erleichterung, dass ich wieder Hoffnung hatte. Ich habe seinen Rücken gestreichelt, habe geweint und gezittert. Er fing dann selber an, stark zu zittern. 

C:        Was war euer Abkommen?

E:        Wenn er mir sagen könnte, dass er nicht noch mal das Leben eines Menschen bedrohen würde, und wenn er mir versichern könnte, dass er sein Stehlen in Grenzen halten würde, dann würde ich mich freuen und würde wissen, dass er auf dem Weg zum Wiederauftauchen wäre. Ich habe ihn gebeten mir zu erzählen, was er in seinem Leben gut gemacht hatte. Es war wunderbar, Cindy. Diese Erfahrung hat mich voran gebracht. Es gab ein seltenes Gefühl von Intimität: weil es eine lebensbedrohliche Situation war, war meine Ehrlichkeit ganz klar.

C:        Was denkst du, hat ihn letztendlich zu diesem Abkommen geführt? 

E:        Ich habe ihn nicht aufgegeben. Ich hatte keine Zweifel, dass er dahin kommen konnte.

C:        Worauf in deinem Handeln bist du besonders stolz?

E:        Dass ich den Glauben an ihn nicht aufgegeben habe und dass ich in der Rolle der Counselerin geblieben bin, auch während ich mich entlastet habe.

C:        Wie fühlst du dich jetzt? Hast du alles verarbeitet?

E:        Ich habe Vieles vergearbeitet. Tage und Nächte danach habe ich viel Counseling und Unterstützung bekommen. Ich denke oft an diesen Tag, und manchmal kommt die Angst zurück.

C:        Denkst du, dass es etwas mit deinem Erfolg zu tun hatte, dass du eine arabische Frau bist?

E:        Danke, dass du danach fragst. Ja. Meine wiederauftauchende Kraft, mein Stolz und mein Scharfsinn haben meinen Erfolg bewirkt. Und die starken Vorbilder von arabischen Frauen in meinem Leben. 

C:        Bestimmte Frauen? 

E:        Ich denke an eine libanesische Künstlerin, die sich vor neun Jahren dafür entschieden hat, in Beirut zu bleiben. Ein Bericht beschreibt ihren Scharfsinn. In einer von den vielen Nächten, in denen sie vom Lärm von Artilleriefeuer geweckt wurde,stand sie auf und tanzte zu dem Rhythmus des Krieges , bis sie erschöpft war, und dann hat sie sich wieder schlafen gelegt. 

C:        Und... 

E:        Meine Mutter. Ich habe gesehen, wie sie ganz schwierige Situationen mit großer Würde, Kraft und Glauben gemeistert hat. Auch mehrere Tanten. Ich habe unglaubliche Geschichten über meine Großmütter gehört. Und meine Schwestern. Sie sind Überlebende, die Sexismus und Rassismus auf eine klar ausgedrückte und scharfsinnige Art unterbrochen haben.

Danke, Cindy, dass du Anderen meine Geschichte mitteilst. Es ist wichtig für das Wiederauftauchen von uns allen, die Geschichten des erfolgreichen Unterbrechens von verletzenden Situationen auszutauschen.

„Tigers at the Gate“, NC-Rundbrief in Portland, Oregon, USA in „Sisters Nr. 7“, 1985

Übersetzer unbekannt

 


Last modified: 2017-06-14 10:35:50-07