Schritte im Neuauswertungscounseling zum Thema Rassismus

Zwei Vorträge[1] von Tim Jackins[2] vom Workshop für Leiter an der nordamerikanischen Ostküste, Dezember 2007: (1) Für farbige Menschen zum Thema Rassismus, (2) für weiße Menschen über ihre Arbeit als Verbündete 

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Ein Vortrag für farbige Menschen über Rassismus

Die Verhaltensmuster auf der Seite der Unterdrücker haben eine unterwandernde und zerstörerische Wirkung auf Menschen. Wenn Menschen ihre Muster ausagieren, hat dies umfassende, schädliche Konsequenzen; aber selbst in Situationen, in denen diese Muster nicht ausagiert werden oder in denen wir gelernt haben, sie zu kontrollieren, führt ihre Existenz dazu, dass wir uns unsicher fühlen und einander kein Vertrauen entgegen bringen können. Wir wagen es nicht, uns auf einander zu verlassen, weil wir alle dieses Material haben. Es macht uns unsicher. Wir haben diese Unsicherheit als Kinder gelernt, als wir selber mit Unterdrücker/innenmuster konfrontiert waren. Und nun, da wir dieses Material mit uns tragen, isoliert es uns voneinander, selbst wenn wir zur gleichen gesellschaftlichen Gruppe gehören. Die Tatsache, dass wir es mit uns tragen, macht uns nicht vertrauenswürdig und es macht es uns  schwer, selber zu vertrauen.

Ich rede nicht über unsere Absichten. Wir alle haben gute Absichten. Ich spreche nicht einmal über unsere Intelligenz oder unsere Fähigkeiten, Dinge zu tun. Ich rede über dieses bisschen Irrationalität, das nach wie vor da ist und darüber, wie wir verwundbar bleiben und dieses Material ausagieren. Und je mehr wir es verstecken müssen und nicht die Gelegenheit erhalten, daran zu arbeiten, weil wir es verstecken, desto mehr bleibt es zwischen uns und desto schwieriger ist es für uns, uns miteinander sicher zu fühlen.

Wir müssen immer wieder zurückkehren zu dem Zeitpunkt, an dem wir diesen Muster ausgesetzt waren, und uns diese anschauen, die Geschichten unserer Vorfahren erzählen und darüber reden, was wir mit unserer Familie erlebt haben oder was die früheren Generationen, wenn diese noch lebten, erlebt haben. Wir müssen herausfinden, welche Wirkungen diese Geschichten und Erfahrungen auf unsere Intelligenz hatten, was wir überwinden mussten, um unsere Leben so leben zu können, wie wir es konnten und wovon wir uns emotional noch nicht vollständig befreien konnten.

Dieser Kampf, unsere Intelligenz zurückzugewinnen, ist wichtig. Ihn anzupacken, wird euch helfen, eine umfassendere Perspektive auf Weiße zu gewinnen, weil das Unterdrückermaterial bedrohlich ist, wenn man zur dominanten Gruppe in einer Gesellschaft gehört und sieht, wie das eigene Material in einer kraftvollen, bösartigen und schädigende Art und Weise von anderen Gruppenmitgliedern ausagiert wird. Dinge, die du dir selbst niemals erlaubt hättest, siehst du andere machen. Du siehst, wie sie dein eigenes Material ausagieren, und das ist ungemein restimulierend. Es löst in allen Leuten mit diesem Material Schuldgefühle aus: Du hast es selbst nicht getan, doch du hättest es gerade so gut selbst tun können. Du weißt, dass dieses Material auch in deinem Kopf steckt.

Das ist Teil eines komischen Glänzens, das wir Weiße bekommen (Gelächter), wenn wir versuchen, oh so gut zu sein; wenn wir letztlich versuchen, nicht weiß zu sein; wenn wir versuchen, uns so zu verhalten, wie wenn wir das Unterdrücker/innenmaterial nicht in uns hätten. Wir haben es aber in uns. Und bis wir die Gelegenheit bekommen, daran zu arbeiten, offen darüber zu sprechen und es zu entlasten, können wir bestenfalls versuchen, es in uns drin versteckt zu halten. Doch das führt dazu, dass wir einen Teil unserer Menschlichkeit opfern. Wir sind ein bisschen weniger als ganz lebendig, wenn wir so angestrengt versuchen, unser Material zu kontrollieren. Unser Umgang wird hölzern.

Trotzdem können weiße Menschen – du und alle, die dieses Unterdrücker/innenmaterial mit sich herumtragen, gut funktionieren und sich menschlich verhalten. Wir sind einfach ein bisschen verwundbar. Es macht unseren Geist nicht kaputt, aber es führt dazu, dass wir nicht ganz offen sein können – und jedes Mal, wenn wir eine Fehltritt machen, wirft er uns aus der Bahn und rüttelt an allem, das wir so sorgfältig aufgebaut haben.

Eine große Anzahl weißer Co-Counseler wird bald hier auftauchen, und auf eine gewisse Weise wünscht ihr euch, dass sie nicht kämen. Nicht wegen der einzelnen Personen. Einige der besten Verbündeten, die ihr je haben werdet, sind Teil dieser Gruppe. Sie sind die größte Ressource, die ihr je haben werdet. Dieses hat nichts mit den Einzelpersonen zu tun, sondern damit dass sie ihren eigenen Teil von dieser großen, verwirrenden Schmerzerfahrung mitbringen werden, die aus Rassismus entsteht, und weil sie euch euren Teil davon spüren lassen werden.

Es gibt keinen Weg, wie wir es umgehen können, uns mit dem Material, was wir zu diesem Workshop bringen, auseinanderzusetzen. Zu versuchen, ihm aus dem Weg zu gehen, nützt nichts. Die weißen Menschen, die bald hier ankommen werden, wissen oft nicht, was sie mit Ihrem Material tun sollen – außer zu versuchen, es zu verbergen. Immer weniger von ihnen müssen sich auf diese Art verhalten, doch viele tun es noch immer und es klappt nicht wirklich. Ihr würdet euch wahrscheinlich wünschen, dass sie alle – außer vielleicht einigen wenigen Individuen – wieder verschwinden würden, und ihr werdet die Tendenz spüren, euch so zu verhalten oder aber euch um sie zu kümmern. Doch keine dieser beiden Reaktionen ist wahnsinnig hilfreich.

Ihr braucht sie. Ich sage es ganz direkt: Ihr braucht sie. Ihr braucht sie hier, ihr braucht sie als Verbündete, ihr seid darauf angewiesen, dass sie sich durch ihr Unterdrücker/innenmaterial durchkämpfen und sich für euch einsetzen. Sie brauchen euch, aber nicht, damit ihr euch um sie kümmert oder ihnen dabei helft, ihr Material zu ignorieren, indem ihr die Dinge ständig angenehmer macht, als sie sind, und euch zurücknehmt, damit sie nicht aufbrausen. Es ist in Ordnung, wenn die Muster sich zeigen. Es ist nicht in Ordnung, wenn wir den Mustern glauben oder sie ausagieren, aber wir sollten nicht so tun, als gäbe es sie nicht, wir müssen die Muster nicht verstecken. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir besser mit dieser Auseinandersetzung umgehen können. Aber wahrscheinlich müsst ihr den meisten dieser Weißen sagen, was sie tun müssen, denn das wissen sie nicht – außer dass sie versuchen, weiter auf die gleiche Weise gut zu sein, wie sie es immer schon versucht haben. Und so kommen sie nicht auf viele neue, scharfe Gedanken.

Was sollen sie eurer Meinung nach machen? Ich denke, dass ihr möchtet, dass sie euch dabei helfen, für euch zu kämpfen. Ihr wollt, dass sie euch Mut machen, euch unterstützen und für euch in den Kampf zu ziehen. Ihr wollt, dass sie euch in diese Richtung drängen und euch dabei den Rücken stärken. Sie müssen versuchen, euch dabei zu helfen, die Dinge zu tun, die für euch so schwierig sind, wenn ihr sie alleine machen müsst. Das bedeutet, dass sie sich vielen ihrer eigenen Ängste stellen müssen, denn obwohl sie möchten, dass ihr diese Kämpfe führt, haben sie so viel Angst davor, dass jemand – möglicherweise aufgrund von Rassismus – auf sie zornig wird, dass sie alles dafür tun würden, um dies zu vermeiden. Ihr müsst sie bitten, euch dabei zu unterstützen, wütend zu werden. Das kommt der Sache, vor der sie am meisten Angst haben, sehr nahe; aber es ist das, was für beiden Seiten passieren muss, um die richtige Grenze zwischen unseren Verhaltensmuster und uns als Menschen zu ziehen. Sie müssen ihre Ängste anschauen, um euch dabei unterstützen zu können, eure Ängste zu konfrontieren.

Ihr müsst sie bitten, das zu tun. Ihr müsst ihnen sagen, dass das das ist, was sie tun können, um einen Unterschied in eurem Leben zu machen. Dass das das ist, was sie machen müssen, wenn sie im Kampf gegen Rassismus etwas bewirken wollen. Sie müssen euch dabei unterstützen, wütend zu werden, selbst wenn ein bisschen von dieser Wut auf sie gerichtet werden könnte. Wahrscheinlich werden sie restimuliert – völlig losgelöst davon, wie rücksichtsvoll ihr seid; ihr müsst also nicht allzu viel Rücksicht nehmen.

Sie müssen hören und verstehen, dass es eine aktive Rolle für sie gibt, wie sie mit all ihrer Kraft und Intelligenz und Fürsorge auf eurer Seite gegen die Auswirkungen von Rassismus kämpfen können, ohne nur an ihren eigenen Mustern zu arbeiten – obwohl sie dieses auch tun müssen. Es muss eine größere Rolle für sie geben, sonst wird es verwirrend. Es bedarf einer größeren Perspektive und einer größeren Herausforderung, als einfach nur an den eigenen Schmerzaufzeichnungen zu arbeiten.

Das ist eine der klarsten Herausforderungen, die ich mir vorstellen kann, die ihr Leuten, die eure Verbündeten sein möchten und die denken, dass sie bereit sind, dafür zu kämpfen, anbieten könnt. Es ist nicht klar, bis zu welchem Grad weiße Individuen bereit sind, sich mit schwierigem Material auseinanderzusetzen. Genauso wie es nicht klar ist, wann der Moment kommt, in dem jede/r von uns aufhören kann, sich zurückzuhalten, und fühlen kann, dass das unmöglich sei, und den Kampf aufnimmt.

Ich weiß nicht, wie ihr herausfindet, wann dieser Moment gekommen ist. Ich weiß aber, dass jede/r dorthin kommt. Und ich weiß auch, dass es hilft, wenn jemand sagt: „Schauen wir doch, ob es möglich ist!“ und wir nicht einfach nur warten und warten und auf die Unschlüssigkeit der anderen Person hoffen. Für viele Leute heißt es: „Finden wir doch heraus, ob es dich umbringt.“

Ich weiß auch nicht genau, wie wir das herausfinden können. Mit denjenigen, die bereits eure Verbündeten sind, könnt ihr es vielleicht herausfinden. Mit den Leuten, bei denen ihr überhaupt nicht sicher seid, ist es schwieriger, das herauszufinden, und ich kann euch nicht viele Leitlinien dazu geben, doch ich glaube, dass es nicht grundlegend anders geht. Ich habe aber keinen Grund, an den guten Absichten und der Bereitschaft jedes einzelnen Individuums, das hierherkommen wird, zu zweifeln. Ich glaube, darüber müsst ihr euch keine Sorgen machen. Das heißt aber nicht, dass sie nicht auch zu einem gewissen Grad verwirrt sind. Das passiert uns allen (Gelächter), und deshalb kann jede/r von uns diesen Kampf in Worte fassen. Ich werde versuchen, zu ihnen als Gruppe darüber zu sprechen. Wenn ich mich mit ihnen treffe, werde ich versuchen, das vor ihnen auszubreiten und es in ihre Köpfe hineinzubringen. Ich werde dafür sorgen, dass sie ein paar Mini-Sitzungen dazu machen, damit es in ihren Köpfen mehr Platz gibt und diese Ideen auf fruchtbaren Boden fallen können.

Aber das geht nur, wenn ihr die Initiative ergreift und sagt: „Ich möchte, dass du das für mich tust“ – und wenn ihr erwartet, dass sie ihr Bestes tun werden. Ihr müsst nicht glauben, dass sie es perfekt machen werden und es wird schmerzhaft sein auszuhalten, dass sie es nicht perfekt machen werden, aber ich denke, dass wir Fortschritte machen können.

[1] Nur der erste Vortrag liegt in deutscher Übersetzung vor.

[2] Tim Jackins ist der Internationale Leiter der Neuauswertungscounseling- Gemeinschaften.

Rational Island Publischers (Hg.): Present Time, April 2008, S. 3-7, Seattle.

Übersetzt von Andi Geu, René Netter und Ralf Wagner, Mai 2009


Last modified: 2017-06-16 14:33:30-07