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Tod und sterben – Leben und lebendig sein

Im folgenden sind Auszüge von Vorträgen von Joan Karp[1] bei Seminaren in der Nähe von Boston, Massachusetts, und Minneapolis, Minnesota, USA, aus dem Jahr 2001 zusammengestellt.

Zu Beginn möchte ich, dass wir wahrnehmen, dass wir alle etwas gemeinsam haben – wir sind am Leben. Es wäre für uns alle ein gutes Ziel, zumindest einmal am Tag damit aufzuhören so sehr mit dem Leben beschäftigt zu sein und stattdessen wahrzunehmen, dass wir lebendig sind. Oft ist es schwer, darauf zu schauen, wie bedeutsam das ist, außer unter bestimmten speziellen Bedingungen. Es ist eine schöne Sache.

Harvey[2] hat immer wieder diesen Vortrag gehalten, den ich den "dayenu"-Vortrag nannte – wobei "dayenu" der Refrain eines Liedes ist, das bei Pessach[3]-Sedern gesungen wird.[4] Es bedeutet "es hätte ja gereicht." Die Kernaussage des Vortrags war, dass wir Menschen nicht nur die Chance haben, am Leben zu sein sondern auch zu denken und uns der Dinge bewusst zu sein. Im Universumslotto haben wir den Hauptgewinn gezogen. „Es hätte ja gereicht“, wenn wir einfach nur die Chance bekommen hätten, am Leben zu sein. Aber wir haben noch so viel mehr dazu bekommen.

Ich habe damals aufgrund meiner Erfahrungen mit meiner Mutter damit begonnen, NC-Seminare zum Thema Tod und Sterben zu leiten. Sie hatte Eierstockkrebs, an dem sie letztendlich gestorben ist. Ich hatte das "Glück", dass ihre Krankheit und ihr Tod sich lange hinzogen und langsam fortschritten – es war eine gute Gelegenheit. Es gab mir viel Zeit, meine Beziehung zu ihr wirklich zu schätzen und mich zu verabschieden. Außerdem ist es schwer, bei plötzlichen Sterbefällen lange genug zu entlasten. Aber diesen hatte ich über fünf Jahre hinweg vor der Nase. Danach (währenddessen eher nicht) war ich dankbar dafür, dass ich es mir dadurch immer wieder anschauen musste. Ich habe in meinen Sitzungen hart gearbeitet, und am Ende hat sich dann doch etwas bewegt: Ich konnte es akzeptieren, dass meine Mutter stirbt – es war trotzdem schwer, aber ich konnte es akzeptieren. Ich hätte wirklich niemals gedacht, dass sich das so anfühlen könnte. Ich weiß also aus eigener Erfahrung, dass die Dinge unter Entlastung völlig anders aussehen können, als man sich das zunächst vorstellen kann, auch auf diesem Gebiet.

Nach ihrem Tod begann ich, NC-Seminare mit dem Titel "Wie man sich vom Tod eines geliebten Menschen erholt" zu leiten. Bald habe ich das Thema dann erweitert, um auch andere damit verbundene Bedürfnisse anzusprechen. Weil es zwischen dem Sterben und allen Arten von Unterdrückung eine enge Beziehung gibt, und auch zwischen dem Sterben und Behinderungen, Gesundheitsproblemen und dem Älterwerden, kamen diese Themen hinzu. Und dann ist da noch die Angst vor dem Tod. (Die Angst vor dem Tod und der Tod selbst sind grundverschieden.) Weitere Seminarthemen waren u. a. das Sterben bzw. die Sorge um zu erwartende zukünftige Todesfälle unter Familienmitgliedern und geliebten Menschen, Selbstmord, gewaltsamer Tod, mehrfache Todesfälle, das Sterben im Zusammenhang mit bestimmten unterdrückten Gruppen, Gesundheitsprobleme von Frauen und Männern, das Leben mit einer lebensbedrohlichen Krankheit sowie frühe Erfahrungen vom Ringen um Leben und Tod. Es gab Gruppen für Menschen, die sich für den Tod einer anderen Person verantwortlich fühlen, für Menschen mit Mordgelüsten und für Menschen, die selbst getötet haben. Es gab Gruppen für Beschäftigte im Gesundheitswesen sowie Gruppen zu Krieg, für Verbündete von todkranken Menschen, Gruppen zur Entscheidung, ewig zu leben, zur Entscheidung, lebendig zu sein, und Gruppen zu Harvey.

EnTlastung allein macht den Unterschied

Oft erholen sich Menschen, die einen geliebten Menschen verloren haben, nie wieder von diesem Verlust. Sie glauben nicht daran, dass es möglich ist, sich jemals von einem solchen Verlust zu erholen. Dennoch kannst du dich, genügend Entlastung vorausgesetzt, nach dem Tod eines geliebten Menschen wieder erholen und neu aufblühen. (Jedem Verlust haftet eine endliche Menge Schmerz an – es fühlt sich nur so an, also ob die schlimmen Gefühle ewig andauern würden.) Du kannst es dir so vorstellen, dass der tote Mensch dir ein Geschenk hinterlässt: Wenn du genug daran arbeitest, dich von diesem Sterbefall zu erholen, dann ist es möglich, dass du nicht an der Stelle wieder herauskommst, an der du warst, bevor die Person starb, sondern viel weiter vorn im Hinblick auf dein Leben und dein Wiederauftauchen. Das meiste von dem, was du fühlst wenn jemand stirbt, sind alte, frühe Verletzungen. Über einen Todesfall zu entlasten gibt dir die Chance, an vielen Dingen zu arbeiten, an denen du sowieso arbeiten müsstest. Manche davon saßen eventuell in ungelösten Problemen innerhalb deiner Beziehung mit dieser Person fest. Jetzt wo sie_er tot ist, kann es möglich werden, an allen möglichen Dingen zu arbeiten – Dingen, für die du dich sonst nicht hättest entscheiden können.

Als NC-Zuhörer_in einer Person, die gerade einen geliebten Menschen verloren hat, ist es für gewöhnlich nützlich, der Leitung der Hauptperson zu folgen – also eine lockere Zuhörbegleitung anzubieten, zumindest für eine Weile. Es wurde uns beigebracht, zu denken, dass wir wüssten, was eine andere Person gerade fühlt, oder fühlen sollte, wenn ein geliebter Mensch stirbt – als ob wir "wüssten" dass sie_er wohl sehr traurig sein muss. Es ist hilfreich, keine bestimmten Erwartungen zu hegen, sondern der Person zu folgen, ihr – soweit möglich – körperlich nah zu sein und einfach bei ihr zu bleiben. Sobald die Person soweit ist, wird sich dann auch etwas tun. Wenn nötig, kann die Nachfrage nach angenehmen Erinnerungen Auflockerung bringen. Außerdem ist es der Person oft gar nicht möglich, sich zuhören zu lassen, bevor nicht alles Organisatorische erledigt ist und Freunde und Verwandte wieder gegangen sind.

Die meisten Menschen müssen viel länger um den Verlust eines geliebten Menschen trauern als für gewöhnlich angenommen wird. Am Ende kann es sein, dass manchen Menschen mit aktiveren Methoden zugehört werden muss, um ihnen dabei zu helfen, sich dem Loslassen der_des Verstorbenen zu stellen und ihrem eigenen Schmerz, der sich an diesen Todesfall drangehängt hat. (Harvey's Richtung für mich während dieser Phase war herzzerreißend, aber nützlich: "Du gehst jetzt in diese Richtung weiter und sie in jene. Und sie dreht sich nicht mehr nach dir um.")

Wenn eine dir nahestehende Person stirbt und du nicht genügend entlastest, kann es dazu kommen, dass du jeden Tag an die Person denkst. Dies kann deine Aufmerksamkeit stark beanspruchen. Wenn die Schmerzaufzeichnungen entlastet sind, besteht diese Beanspruchung einfach nicht mehr. Harvey hat immer gesagt, dass du nach dem Tod eines Menschen immer noch all das besitzt, was du von dieser Person jemals besessen hast. Deine Beziehung mit der Person geht nicht mehr weiter, und das ist ein echter Verlust, aber alles was du bis zu diesem Zeitpunkt, an dem sie_er gestorben ist, je hattest, das hast du immer noch. Und, wenn du genug entlastest, dann kannst du noch mehr bekommen. Die von Schmerzerfahrungen geprägten Aspekte deiner Beziehung werden entlastet – die Muster und die irrationalen Gefühle. Was dir bleibt, ist eine klarere, menschlichere und rationalere Beziehung mit der Person. Einer Person, die sich eben jetzt nicht mehr in deiner Gegenwart befindet. Deswegen drängt Tim[5] die Leute dazu, weiter über Harvey zu entlasten. Je mehr sie entlasten, desto mehr haben die Leute von ihrer Beziehung zu ihm. Es gibt immer noch Neues aus der Beziehung herauszuholen, obwohl er nicht mehr da ist.

Wenn du versuchst, dich von einem Todesfall zu erholen, der passiert ist, als du klein warst, dann kann es sich so anfühlen, als ob es keine Aufmerksamkeit dafür gibt, daran zu arbeiten. Es kann sein, dass dies deshalb so ist, weil die Leute damals, als du Kind warst, nicht in der Lage waren, dir zuzuhören. Darüber zu reden, welche Art von Aufmerksamkeit du nach einem Todesfall bekommen hattest – oder auch nicht – öffnet hier oft Türen. Bei gewaltsamen Todesfällen kann es besonders wichtig sein, völliges Entsetzen auszudrücken und daran zu denken, dass Unterdrückung eine vordergründige Rolle gespielt haben könnte.

Wenn du genug entlastet hast, um dich der Schmerzaufzeichnungen zu entledigen, wird es akzeptierbar, dass die Person gestorben ist – auch wenn natürlich niemand je sterben müssen sollte. (Ich glaube, dass es eine Art Entsetzen darüber ist, dass überhaupt irgendein Menschenleben enden müssen sollte, egal aus welchem Grund. Es ist mir egal, wie alt jemand ist – das ist nichts anderes als Altersunterdrückung. Es ist mir auch egal, wie krank sie_er ist, denn das ist die Unterdrückung von Menschen mit Behinderung.) Auf der anderen Seite ist es aber auch akzeptierbar, dass Menschen sterben. Ohne die Schmerzaufzeichnungen bleibt unsere Aufmerksamkeit darauf gerichtet, was für eine großartige Sache es doch ist, dass sie überhaupt gelebt haben, und dass wir sie kennenlernen durften. Der heutige Stand ist immer noch, dass alle irgendwann sterben. Aber das ist hier nicht von Bedeutung. Was zählt ist das einzigartige Leben, das sie hatten und die Tatsache, dass du daran teilhaben durftest. Das ist von höchster Bedeutung. Das ist es, was uns interessiert, sobald die Schmerzaufzeichnungen entlastet sind. So wie ich es auch in der "Todesanzeige" für meine Mutter formuliert habe: Es wird mir für immer leid tun, dass sie nicht ewig gelebt hat. Aber ich werde auch für immer sehr froh sein, dass sie gelebt hat.

"Ist der Tod eine Notwendigkeit?"

Harvey hat eine Broschüre (sowie ein Kapitel in „Die Situation des Menschen“) mit dem Titel „Ist der Tod eine Notwendigkeit?“ geschrieben. In einem Abschnitt davon beschreibt er die großen Fortschritte, welche die Wissenschaft auf dem Gebiet der physiologischen Abläufe macht, die dem menschlichen Leben gegenwärtig ein Ende setzen. Hierzu wird viel geforscht, und es werden viele Durchbrüche erzielt. Man macht sich Hoffnungen, dass diese Geheimnisse zu lüften sein werden. Der andere Abschnitt hat mit der Schmerzlast zu tun. Das ist es, woran die meisten Menschen sterben. Obwohl sie – unter aktuellen Bedingungen – später an irgend etwas anderem gestorben wären, sterben die meisten Menschen aufgrund ihrer Schmerzerfahrungen früher, als sie es anderweitig getan hätten. Sie geben auf. Sie verlieren den Mut. Sie rauchen Zigaretten, sie bringen sich mit Alkohol um. Oder sie sterben an den Schmerzmustern anderer, oder unterdrückungsbedingt, z.B. an mangelnder Gesundheitsversorgung.

Menschen haben u. a. Schmerzaufzeichnungen, die besagen, dass es unvermeidbar ist, dass sie sterben werden. Diese Aufzeichnungen haben rein gar nichts mit der Realität zu tun. Viele von uns haben Schmerzaufzeichnungen, die uns einreden, wie lange wir leben werden. Und manche von uns sind jetzt schon über dieses Lebensalter hinaus. Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich die Richtung "Ich werde ewig leben" benutzt habe, um zu sehen, welche Gefühle sie hochkommen lassen würde. Was hochkam war, dass ich wohl bereit war, gewisse Schmerzmuster für eine lange, jedoch begrenzte Zeit zu dulden. Aber nicht auf unbegrenzte Zeit. Wenn ich glauben konnte, dass ich vielleicht ewig leben würde, war ich stärker motiviert, mich dieser Schmerzmuster zu entledigen. Den Tod zu erwarten, bzw. nicht zu erwarten, zieht viele Dinge nach sich.

Das NC-Versprechen für Älteste lautet "Ich verspreche, dass ich nie sterben werde, dass ich nie langsamer machen werde, und dass ich soviel Spaß haben werde wie nie zuvor." Die Haltung unserer Gesellschaft – eine Haltung, welche die meisten von uns verinnerlicht haben – besagt, dass es ab einem gewissen Punkt an der Zeit ist, sich auf den Tod vorzubereiten. Dass es an der Zeit ist, langsamer zu machen und seine Aktivitäten zu begrenzen, seine Erwartungen zu reduzieren und was weiß ich noch alles. Das kann desaströse Folgen haben. Wenn du einer_einem geliebten Ältesten – sagen wir z. B. einer Großmutter – gegenüber eine andere Haltung einnimmst, wie es manche NC-Zuhörtauschpartner_innen getan haben, kann sie z. B. plötzlich wieder hören, nur weil sie sich das Schmalz aus den Ohren hat holen lassen. Oder sie kann wieder sehen, weil endlich jemand auf die Idee kam, ihr eine neue Brille zu besorgen. Vorher war niemand auf die Idee gekommen, dass es sich lohnen könnte, diesen Problemen auf den Grund zu gehen, weil sie "altersbedingt" seien, oder weil "sie ja sowieso bald sterben wird." Ich schlage vor, dass wir all diese uns eingeprägten Vorstellungen in Frage stellen, die wir von der Art Leben haben, das wir als ältere Menschen zu leben in der Lage sein werden.

Wie man einen lebensbedrohlich kranken Menschen unterstützen kann

Ich habe ein paar Dinge über die Unterstützung von lebensbedrohlich kranken Menschen gelernt. Darüber, wie ich dabei helfen kann, gut zu leben und dann auch gut zu sterben. Wir alle werden mit der Zeit viele Chancen bekommen, diese Rolle zu übernehmen. Und es ist unsere eigene Entscheidung, ob und wann wir das tun. Wenn wir es dann tun, wird die Chance gut für jemanden zu sorgen unser eigenes Wiederauftauchen voranbringen. Besonders wenn wir daran denken, regelmäßig Sitzungen dazu zu machen. (Wenn eine Gruppe von NC-Zuhörtauschpartner_innen in solch einer Situation zusammenarbeitet, ist es gut, sich als Unterstützungsgruppe zu treffen, zumindest ab und zu.)

Meine Mutter lebte von 1982 bis 1987 mit einer Krebserkrankung. Für den Großteil dieses Zeitraums war nicht ihr Sterben das Problem – das Problem war, wie sie ein gutes Leben haben und gleichzeitig eine ernste, lebensbedrohliche Krankheit bekämpfen konnte, und wie ihr dabei am Besten geholfen werden konnte. Damals war es schwer für mich, mir bewusst zu werden, wie viel ich dazu beizutragen vermochte. Ich bekam es mit meiner Verwirrtheit über meine eigene Bedeutung zu tun, und ständig versuchte ich herauszufinden, was die richtigen Widersprüche für sie waren. Es dauerte eine Weile, bis mir klar wurde, dass ich selbst der größte Widerspruch war – meine Fürsorge für sie und mein Wunsch, dass sie überleben sollte. Ich habe keinen Zweifel daran, dass ich sie vielleicht ein oder zwei Jahre länger am Leben erhalten habe als es anderweitig der Fall gewesen wäre. Es gibt noch mehr solcher Geschichten, sowohl innerhalb als auch außerhalb des NC. Die Menschen sterben an ihren Schmerzaufzeichnungen, bevor andere Dinge sie einholen können. Du kannst einem Menschen dabei helfen, länger zu leben. Dabei ist es hilfreich, wenn du dich selbst entsprechend ernst nimmst.

Menschen können sich von Krankheiten erholen, für die scheinbar keine Heilung möglich ist. Das gibt es. Nichts ist unumgänglich. Als NC-Zuhörer_in musst du davon ausgehen, dass es diesem Menschen möglich ist. Du hast hier die Chance, deine Hoffnung zu bewahren. Über eine lange Zeit hin ist die nützlichste Annahme von der du ausgehen kannst die, dass dieser Mensch sich erholen kann und sich auch erholen wird. Der Möglichkeit, dass sie_er sterben wird musst du aber ebenso ins Auge sehen. Und du musst der Person nah bleiben, ihr zuhören und ihr einen Raum bieten in dem über alle möglichen Gefühle gesprochen werden kann.

Wenn jemand mit einer lebensbedrohlichen Krankheit konfrontiert ist zeigt sich, wie nützlich es ist am Leben bleiben zu wollen – und zwar um in der Lage zu sein um sein Leben zu kämpfen. Dann zeigt es sich auch wie schwer dies vielen von uns fällt. Unter diesen Umständen sehen sich Menschen oft mit frühen Schmerzaufzeichnungen konfrontiert – mit dem Aufgeben, mit wirklichen oder gefühlten Überlebenskämpfen, mit Erschöpfung oder Lebensmüdigkeit (bzw. Gleichgültigkeit), weil es so schlimm war. Von solchen Schmerzaufzeichnungen befreit, wollen Menschen von Natur aus leben. Trotzdem fällt es vielen schwer, mit ihrem eigenen Lebenswillen in Kontakt zu treten. Besonders, wenn die Situation dies plötzlich von ihnen verlangt. Du kannst der Person deinen eigenen Lebenswillen verleihen: Sag ihnen, dass es dir etwas bedeutet, dass sie am Leben bleiben, dass es dir wichtig ist, dass sie ein langes Leben haben. (Es wäre nicht schlimm, wenn auch diejenigen unter uns, die gesund sind, mit ihrem Lebenswillen in Kontakt träten, um für sich selbst Zugang zu dieser Motivation zu erhalten, und um schon im Voraus daran zu arbeiten. Es könnte eine wichtige Rolle spielen.)

Viele Leute versuchen, "zu ermitteln", welche Schmerzaufzeichnungen zur Entwicklung ihrer Krankheit beigetragen haben könnten. Dies ist selten ein nützliches Unterfangen – es gibt so viele Zufallsfaktoren, die zu diesen Krankheiten beitragen können –, und es kann zu Selbstbeschuldigungen führen. Dennoch kann es die Sache wert sein, bestimmte Schmerzaufzeichnungen anzuvisieren und zu entlasten, um den Heilungsprozess zu unterstützen.

Es wurde offensichtlich, dass es für meine Mutter wichtig war, sich umsorgt zu fühlen und ihre Aufmerksamkeit in der Gegenwart zu halten[6]. (Der Körper wird Krankheit viel besser bekämpfen und die Person mehr Lebenswillen haben, wenn ihre Aufmerksamkeit auf die Gegenwart gerichtet ist, anstatt im Schmerz versunken zu sein.) Im Allgemeinen konnte meine Mutter entweder alles was schwierig war mit ihrer Aufmerksamkeit komplett meiden, oder diese ausschließlich auf die schweren Gefühle richten. Jeden Tag sorgte ich am Telefon dafür, dass sie die Chance bekam mir von beidem zu erzählen – von den guten Dingen und den schwierigen. Ich habe versucht, diesen Unterhaltungen keine Struktur aufzuzwingen. Ich habe ihre Aufmerksamkeit in die Gegenwart geholt, aber ich wollte auch nicht, dass sie mit den schweren Gefühlen allein blieb. Wenn ich hören konnte, dass sie weniger Mut hatte als sonst und Gefahr lief, aufzugeben, bin ich auch zwischen meinen monatlichen Besuchen spontan bei ihr aufgetaucht und ein paar Tage geblieben. Durch meine Anwesenheit habe ich ihr gezeigt, wie wichtig sie mir ist. Dass meine Fürsorge verbindlich war und dass ich sie das nicht alleine durchmachen lassen würde. Sie kam jedes Mal zurück in die Gegenwart und ich glaube es hat einen großen Unterschied gemacht.

Besonders wenn jemand eine lebensbedrohliche Krankheit hat, kriegen die Leute Angst und können der Person nicht nah bleiben, können nicht zuhören. Sie halten Distanz. Je länger die Krankheit andauert desto wahrscheinlicher ist es, dass du die einzige Person bist die eine gute Aufmerksamkeit für sie hat. Wenn du entlastest, wirst du in der Lage sein, bei der Person zu bleiben und dich angesichts dessen, was die Person konfrontiert, nicht beirren zu lassen.

Als meine Mutter eine Heilung durch die Ärzteschaft aufgegeben und die Ärzteschaft selbst auch aufgegeben hatte, wurde sie "formalen" Sitzungen mit mir gegenüber offener. Ich habe Zeit damit verbracht, ihr beim Weinen darüber zuzuhören, dass sie nicht Sterben wollte, dass sie Angst hatte. Es war schön, dies tun zu können.

"Lebensqualität"

"Lebensqualität" ist in dieser Gesellschaft ein restimulierendes Thema. Ab welchem Grad der Lebensqualität ist es soweit, dass das Leben einer Person nicht mehr "lebenswert" ist? Obwohl viele meinen, sie würden über dieses Problem nachdenken, tun es die wenigsten wirklich. Warum sind Leute derart restimuliert davon? Ein Grund scheinen die nicht entlasteten Gefühle zu sein, die aus der Säuglingszeit stammen, als wir abhängig waren und versorgt werden mussten. Viele fühlen sich, als ob sie nie wieder in so einer Position sein wollten. Außerdem kann es für Leute schwer sein, über ihre eigene Situation nachzudenken wenn sie sich so fühlen als ob ihr Leben anderen zur Last fiele. Auch die Angst vor Schmerzen verwirrt die Menschen.

Manche Leute bilden sich ein zu wissen wann die Lebensqualität einer anderen Person nicht mehr gut genug ist um ein Weiterleben zu rechtfertigen. Eine Person im NC, die auch Medizinethikerin ist, stellt, wenn sie zu diesem Thema spricht, oft eine wichtige Frage: "Was ist, für dich persönlich, schlimmer als der Tod? Was würde dir das Gefühl geben, lieber tot zu sein?" Was immer es auch ist, es ist genau das, was wir bei einer anderen Person nicht ertragen können. Wenn es so aussieht, als würde eine andere Person genau das durchmachen, dann kann es sein, dass wir geneigt sind, Annahmen über ihre_seine Lebensqualität zu treffen, die für diese Person überhaupt nicht stimmen. (Es kann sein, dass sie auch für uns nicht zutreffen würden, wenn wir uns wirklich in so einer Situation befänden.)

Ich weiss, dass meine Mutter, je weniger sie selbst machen konnte, das Leben mehr und mehr auskostete. Sie liebte es, einfach nur am Leben zu sein. Davon habe ich eine Menge gelernt. Es ging nicht darum, was sie noch tun konnte. Wir verfangen uns so sehr in all den verschiedenen Aspekten unseres Lebens, dass wir meinen es wären die Details, die es lebenswert machen.

Mit dem Fortschreiten der Krankheit meiner Mutter wurden Behinderung und die damit verbundene Unterdrückung ein immer größerer Teil dessen, womit sie zu kämpfen hatte. Weil ich auf diesem Gebiet noch nicht genug entlastet hatte, fühlte ich mich eingeschränkter als mir lieb gewesen wäre. Ich glaube aber nicht, dass dies ungewöhnlich ist.

Jemandem dabei helfen, einen guten Tod zu sterben

An einem gewissen Punkt müssen sich deine Bemühungen eventuell von der Hilfe, dabei, ein gutes Leben zu leben darauf verlagern, ihr_ihm zu helfen dem Tod ins Gesicht zu sehen und sich auf ein gutes Sterben vorzubereiten. Als die Heilungschancen meiner Mutter geringer wurden begann ich Sachen zu sagen wie "Es ist zwar nicht unmöglich, dass du die Krankheit besiegst, aber es scheint jetzt weniger wahrscheinlich." Es schien wichtig zu sein, die Möglichkeit einer Heilung nicht aufzugeben aber Raum dafür zu schaffen, dass sie der Tatsache ihres bevorstehenden Todes ins Gesicht sehen konnte. Es schien für sie von Bedeutung zu sein, dass sie sich dieser Situation und ihren damit verbundenen Ängsten stellte. Und darüber nachzudenken, was sie noch tun wollte, bevor sie starb. Nützlich war, sie dazu zu bringen, mir ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Das war für uns beide wunderbar und es erlaubte ihr, bestimmte Teile ihres Lebens Revue passieren zu lassen, und zwar unter liebevoller Aufmerksamkeit. Manchmal kann es wichtig sein, jemandem deine Erlaubnis zum Sterben zu geben – besonders wenn die Person sich Sorgen darum macht, dich im Stich zu lassen.

Am Ende versagten ihre Nieren und es gab keine Möglichkeit für eine Dialyse. Das bedeutete, dass sie – und auch wir – wussten, dass sie noch etwa zwei Wochen zu leben hatte. Sie war bereit, und wir (meine Geschwister, mein Ehemann und ich) nahmen uns die Zeit, bei ihr im Krankenhaus zu sein. Und wir wussten genau zu welchem Zweck. Am Anfang brachten wir Photoalben mit, damit alle präsent sein konnten, und um angenehme Erinnerungen Revue passieren zu lassen. Später, als es so schien als ob sie nicht mehr selbstständig Hilfe herbeirufen konnte wenn sie welche brauchte, gingen wir dazu über, rund um die Uhr bei ihr zu bleiben.

Dann, kurz bevor sie starb, veränderte sich die liebevolle Stimmung die zwischen uns geherrscht hatte und sie wurde sauer. (Und das bei einer Frau, die das normalerweise nicht zeigte.) Egal ob es von der fortschreitenden inneren Vergiftung aufgrund ihres Nierenversagens oder ihrer Angst vor dem Tod kam, es war unerwartet und für uns alle schwierig. Außerdem, weil sie länger am Leben geblieben war als vorhergesagt, hatte sie Angst, dass sie belogen worden war und dass sie noch lange in diesem Zustand verbringen müsste. Ich befand mich in der ungewöhnlichen Situation, sie damit zu beruhigen, dass sie wirklich bald sterben würde.

Mit Bezug auf das Einplanen von NC-Zuhörzeit für mich selbst gelang es mir endlich, einen Weg zu finden, mit der Unvorhersehbarkeit meiner freien Zeit zurecht zu kommen. Jeden Tag, bzw. für einen Teil des Tages, hatten ein paar Leute Rufbereitschaft. Sie wussten aber, dass es sein konnte, dass ich mich eventuell überhaupt nicht melde. Manchmal konnte ich eine Telefonsitzung unterbringen, manchmal eine persönliche Sitzung mit Leuten, die ich vor Ort kannte, und manchmal eben überhaupt keine. Aber das lief insgesamt gut so.

Zusätzlich dazu, dass man der sterbenden Person Aufmerksamkeit schenkt, muss man sich auch um andere Beziehungen kümmern. Meine Geschwister und ich haben über unsere Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf die Pflege meiner Mutter verhandelt. Eine meiner Schwestern hat gerne den Umgang mit unseren Verwandten in die Hand genommen. Außerdem mussten wir Beziehungen zum Gesundheitspersonal aufbauen. Von einer Krankenpflegerin war ich überrascht und beeindruckt, da sie zunächst nicht so gut mit meiner Mutter konnte, dann aber immer sanfter und sanfter reagierte, je saurer meine Mutter wurde. Sie verstand, dass sie sich dem Tod näherte. Als meine Mutter starb, saß sie an ihrem Bett und weinte.

Du kannst einem Menschen vor ihrem_seinem Tod bestätigen, dass sie_er ein gutes Leben gelebt hat. Würdest du nicht auch gerne daran denken, dass du ein gutes Leben gelebt hast? Du kannst sie auch daran erinnern, dass sie geliebt werden, besonders von dir. Und was immer dir im Weg stehen mag, dies auch zu fühlen und so zu meinen, kannst du entlasten.

Niemand sollte allein sterben müssen. Es gibt eine Menge Geschichten davon, wie die geliebten Großeltern mit dem Sterben warten, bis das geliebte Enkelkind geboren ist. Wenn du jemandem sagst, dass du sie_ihn gerne noch einmal sehen würdest, bevor sie_er stirbt, und dass du gerne dabei sein möchtest, dann gibt es auch oft eine gewisse Kulanz. Oder du kannst dabei helfen, es so einzurichten, dass jemand anderes dabei ist. Ich war bei ihr, als meine Mutter starb, und ich war froh darum. Der Tod ist ein Teil des Lebens. Bei einem Tod dabei zu sein kann eine gute Erfahrung sein.

Es gibt vieles, was ich heute besser oder anders machen würde, aber im Großen und Ganzen war ich zufrieden. Es war eine Herausforderung, aber auch eine unglaublich besondere Zeit.


[1] Joan Karp ist Regionale Referenzperson für Teile des Ostens von Massachusetts und Rhode Island, USA.

[2] Harvey Jackins

[3] Das Pessachfest sind jüdische Feiertage, an denen an die Befreiung der Hebräer aus der ägyptischen Sklaverei erinnert wird.

[4] Ein Seder ist ein jüdischer Gottesdienst mit zeremoniellem Abendessen in der Familie oder Gemeinde, und wird am ersten oder zweiten Abend des Pessachfestes abgehalten.

[5] Tim Jackins

[6] Ihre Aufmerksamkeit in der Gegenwart halten bedeutet, ihre Aufmerksamkeit weg von ihren Schmerzaufzeichnungen und auf die gute Realität zu lenken.


Last modified: 2019-05-02 14:41:35+00