„Möchtest Du mich in Deinem Leben haben?“

Rede von Tim Jackins auf Leiter-Workshops in den Niederlanden und USA, November 2002  

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Wir funktionieren immer noch mit einem enormen Anteil von Isoliertheit. Ich denke, wir müssen diesem Getrenntsein in unserem Counseln nachgehen. Die meisten von uns sind es gewohnt sich vereinsamt zu fühlen und ohne Selbstwertgefühl. Du weißt, welches Bild Du von Dir selbst hast und wahrscheinlich ist es nicht inmitten einer Gruppe warmherziger, freundlicher Leute.

Es scheint mir, dass jedes Kind mit der Erwartung auf die Welt kommt, jemanden für sich zu haben, – es schaut in die Welt mit der Erwartung, in den Augen und Gesichtsausdrücken ein Willkommen zu finden und jemanden, die oder der Aufmerksamkeit hat. Ich glaube nicht, dass irgendein Kind das bekommt. Keiner scheint je sehr viel davon zu bekommen. Es scheint mir, als hätten wir alle aufgegeben, danach zu suchen. Wir hören auf, diesen Kontakt, diese Kommunikation, dieses Verständnis von Zusammengehörigkeit zu suchen. Jedes Baby hört zu einem anderen Zeitpunkt auf danach zu suchen, abhängig davon, wie hart sein Leben ist und wie wenig an Aufmerksamkeit dafür da ist. Babies hören auf, mit ihrem Blick nach jemanden zu suchen. Ich glaube, wir alle geben diese Art von Blick auf. Ich glaube, wir sehen unsere CounselerInnen nicht mehr wirklich an.

Wir kämpfen uns ab um das Wissen, dass jemand uns in ihrem oder seinem Leben haben will. Es geht nicht darum, das Größte oder Wichtigste zu sein, sondern einfach im Leben von jemandem gewollt zu sein – zu wissen, dass wir eine Bedeutung haben, dass unser Dasein überhaupt einen Unterschied macht. Ich denke, dass wir immer von wichtiger Bedeutung sind. Ich glaube, die Existenz von allen die wir kennen, macht unser Leben besser. Dieses ist etwas das jedes Elternteil seinen Kindern sagen sollte und das jede/r von uns als Kind von Anfang an hätte hören sollen. Es ist wichtig für Kinder zu hören, dass unser Leben besser ist, weil es sie gibt, dass unser Leben besser wurde, seit wir wussten das sie existieren würden, dass unser Leben voller, größer und reich an Perspektiven ist, weil es sie gibt. Ich glaube nicht, dass jemals jemand von uns viel davon zu hören bekam, oder von etwas das dem nahe kommen würde.

Wir werden alleingelassen und das zeigt sich in unserem Counseln. Wir wissen irgendwie, dass wir für einander da sind und wir haben versucht, das einander mitzuteilen. Es ist einfach ein Kampf, das klar zu vermitteln – gegen all unsere Ablenkungen. Ich möchte uns alle dazu ermutigen, den Kontakt mit unseren CounselerInnen so vertraut wie nur möglich zu machen, unsere Counseler als Ressourcen zu nutzen und sie darin herauszufordern, es ebenfalls anzubieten. Als Counseler lehnen wir uns manchmal zurück in der Hoffnung die Sitzung von jemandem nicht zu sehr zu stören. Wir sind uns nicht sicher, das wir eine gute Rolle spielen und versuchen deshalb, nicht in die Quere zu kommen. Als KlientIn ist es jedoch natürlich wichtig für uns, zu wissen das es eine andere Intelligenz gibt, die mag das es uns gibt, uns beisteht und unsere Bemühungen unterstützt. Diese Person braucht keine Dinge für uns zu tun. Aber wir brauchen es, von ihr wahrgenommen zu werden, wir brauchen ihr Nachdenken über uns und ihre Unterstützung in den Kämpfen mit unseren persönlichen Schwierigkeiten,

 Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir alle einander in unserem Leben haben wollen. Wir wollen mit mehr Leuten vertraut sein und uns über sie Gedanken machen. Es sind nur unsere Schmerzerfahrungen, die es scheinen lassen, dass wir getrennt sein müssen. Ich will euch in meinem Leben haben. Ich kenne manche von euch nicht. Ich habe keine Zeit mit euch allen eine tiefgreifende Beziehung zu bilden. Aber das ist für diese Frage nicht relevant. Ich will jeden Teil von euch, den ich haben kann.

Ich will dies ohne jede Ausnahme. Natürlich gibt es mir ein besseres Bild vom Ganzen. Mit jeder Person mit der wir wirklich eine Chance dazu bekommen hat es diese Auswirkung. Wir haben wahrscheinlich mehr Möglichkeiten als uns bewusst ist, da unsere Schmerzerfahrungen uns verwirren. Uns durch diese Schmerzerfahrungen hindurch zu kämpfen um eine echte Verbindung miteinander zu bilden, ist eine wichtige, langfristige Bemühung und verbunden mit allen anderen Dingen, die wir haben wollen.

Jedes Kind kommt mit der Erwartung von Verbundenheit auf die Welt. Wir sind alle mit der Erwartung auf die Welt gekommen, unseren Verstand ganz und gar gebrauchen zu dürfen und zu kommunizieren. Auf unserer Entdeckungsreise erwarteten wir, in Gesichter von intelligenter Menschlichkeit zu schauen. Nur wenige von uns haben dies auf gleichbleibender Basis bekommen. Wenn wir Glück hatten, gab es eine Person, die sich so sehr über unsere Ankunft gefreut hat, dass es sie aus ihren Schmerzmustern herauskatapultierte, und tatsächlich gegenwärtig mit uns sein konnte und uns zumindest für eine kurze Zeit, voll mit Freude anschaute. Es hat für niemanden von uns angehalten. Wir sind in unterdrückende Gesellschaften hineingeboren und niemand hat genügend Spielraum um dieses stete Willkommen aufrecht zu erhalten. Obwohl die Freude über ein Neugeborenes die Dinge aufrütteln kann, hält dies nur für kurze Zeit.

Oft denken wir, dass wir sind die einzigen mit dieser Erwartungshaltung seien. Es gibt diese gewisse Einsamkeit in unserer Perspektive, die sich nirgendwo anders wieder zu finden scheint. Wie viele deiner Tage verbringst du damit, in Gesichter zu schauen, nach einem bestimmten Ausdruck suchend der dir irgendwie schlüssig ist – ein Gesichtsausdruck, der dir die Möglichkeit einer Verbindung mit jemandem anbietet? Viele von uns verbringen viel Zeit damit, auf diese Art und Weise Gesichter anzuschauen, auf ein Zeichen des Erkennens hoffend. Es wird von Sexismus und verschiedenen anderen Dingen verzerrt, aber wir streben nach einer Verbindung mit einer anderen Intelligenz. 

Es ist notwendig, das wir uns bemühen, Verbindung bewusst einzugehen – nicht nur unbewusst, nicht nur aus unserer Sehnsucht heraus nach Dingen, die wir nie bekommen haben. Wir wollen nicht in der Position eingefrorener Sehnsucht stecken bleiben – auf der Suche, dabei jedoch so verletzt, dass wir es nicht ertragen können, richtig hinzuschauen oder gar zu viel zu erwarten. Wir können uns entscheiden, dass wir Verbundenheit mit anderen Menschen haben wollen, dass es Sinn ergibt, diese zu haben. Dann können wir anfangen, darauf zuzuarbeiten und zu counseln. Das heißt, die eingefrorenen Gefühle herauszufordern, in welcher Form auch immer sie bei uns entstanden sind.

Eine Frage, die mir gelungen ist herauszuarbeiten, ist einfach jemanden zu fragen: „Möchtest du mich in deinem Leben haben?“ Es sind nicht nur die Worte. Wie bei jeder Idee im Counseln, die gegen schwere Schmerzaufzeichnungen anläuft, mögen wir die Worte sagen, ohne überhaupt zu merken, dass wir sie sagen.

Wir müssen reflektieren, was wir sagen. Wir müssen versuchen, uns selbst dabei zuzuhören. Wir müssen die Frage immer wieder in einer Sitzung mit jemandem, der Aufmerksamkeit hat, stellen, bis sie sich richtig für uns anhört, bis sie in Ton und Bedeutung stimmig für uns ist: „Wenn es einfach deine Wahl wäre, möchtest du mich in deinem Leben haben?“

Rational Island Publishers (Hg.): Present Time. Nr. 131, April 2003, Seattle.

Übersetzt von Uta Allers und Suzana Kurtek


Last modified: 2017-06-14 10:36:09-07