Eine Bewusstseinsveränderung

Tim Jackins beim Internationalen Kongress Jüdischer Leiter*innen in Bryn Mawr, Pennsylvania, USA, im Juni 2015

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Ich will einen Kampf wieder aufnehmen, der schwer alleine wieder aufzunehmen ist. Wir tendieren generell dazu, unsere Schlachten allein zu schlagen. Dieser jedoch ist kein Einzelkampf. Hier geht es darum, was uns allen zugestoßen ist.

Ihr seid schon lange im NC – manche von euch sogar schon laaaaange. (Gelächter) Ihr habt das Counselling verstanden und nutzt es gut. Ihr seid euch bewusst, wie viel ihr in eurem Leben verändert habt. Es ist unwahrscheinlich, dass wir von euch viele verlieren werden. Ihr seid zwar manchmal restimuliert genug dazu, aber zumindest sind die Erholungsphasen kürzer geworden. (Gelächter)

Ihr habt viel verändert, und doch dauern manche frühen Kämpfe an. Jedes Mal, wenn ihr euch wiederseht, seht ihr besser aus – und trotzdem seht ihr noch genauso aus. Die Dinge, an denen zu arbeiten ihr in der Lage wart, sind in Bewegung gekommen – und die Dinge, denen ihr noch nicht auf den Grund gegangen seid, für die ihr noch nicht genug Ressourcen hattet, um ihnen auf den Grund zu gehen, sind es nicht.

Schmerzaufzeichnungen verwirren uns. Je mehr Ressourcen wir um uns herum zur Verfügung haben, umso schneller erholen wir uns von ihnen. Dies ist für uns einer der wichtigen Gründe dafür, Gemeinschaft aufzubauen. Sie hält uns intakt.

Unsere alte Entmutigung macht es uns schwer, an Dingen zu arbeiten, an denen wir noch nicht gearbeitet haben, und zwar den Stellen, an denen wir stärker verletzt worden sind. Damals waren wir einsamer und hatten weniger Macht, und Gefühle von Hilflosigkeit sind dort heftig. Es sind die Stellen, an denen wir aufgaben und uns entschlossen, unseren eigenen Weg zu gehen, weiter zu existieren, und zwar so gut es eben ging. Das war nicht das erfüllte Leben, das wir für möglich hielten, als wir klein waren. Aber wenigstens hat es uns das Leben erträglich gemacht.

Unsere Perspektive wurde verzerrt. Das zeigt sich, wenn wir darüber reden, wie wir an den frühen, schlimmen Dingen arbeiten. Es ist fast so, als wären wir nicht bereit, es zu tun. Es fühlt sich an, als würden wir erneut unterliegen. Und das ist der Punkt, an dem wir aufhören, es zu versuchen. Es ist schwierig, dort an einer Perspektive festzuhalten, wo wir so gründlich überwältigt wurden und nicht entlasten konnten. Ich fordere euch auf, etwas anzugehen, das noch nie funktioniert hat. Das wird sich anfühlen wie „Ich hab’ das doch wieder und immer wieder versucht. Es hat nie funktioniert. Jedes Mal ist wieder auf mir herumgetrampelt worden, und jetzt willst du was von mir? Du willst, dass ich das mache? Du sagst, dass es diesmal klappen wird. Es hat aber noch nie geklappt.“

All das ist wahr. (Gelächter). Wirklich wahr. Die Anstrengung, von der ich rede, muss darauf beruhen, dass die Dinge jetzt anders liegen.

Wenn wir diesen Übergang nicht schaffen, werden unsere Perspektive und unser Counseln „reformistisch“ bleiben. Obwohl wir das nicht so wollten, kommt es am Ende dazu, dass wir die Dinge eigentlich nur verbessern und erträglicher machen. Wir machen keine von den großen Veränderungen, die offensichtlich notwendig sind – seien es persönliche oder welche, die darüber hinaus gehen. Ich denke, dass es dieses „sich den frühen Kämpfen nicht stellen“ ist, was uns aufhält.

Wir arbeiten am Rand herum. Wir machen uns die Schmerzerfahrungen ein wenig verständlicher. Wir gehen immer mal wieder einen Schritt voran. An einem gewissen Punkt wird jedoch mehr notwendig sein. Die Gesellschaft ist dabei, zusammenzubrechen. (Früher hatten sich die Leute gewünscht, dass es damit schnell gehe. Sie wollten, dass es noch zu ihren Lebzeiten dazu komme. Jetzt haben sie Angst davor, dass es wirklich so kommt, und können sich nicht dazu überwinden, darüber nachzudenken.) Wir bewegen uns auf eine große Verschiebung zu. Damit wir gut denken und handeln können, werden wir einigen schweren, frühen Kämpfen ins Auge sehen müssen. Wir müssen entscheiden, dass – egal was in der Vergangenheit passiert ist, egal wie schlimm oder schwierig es war, egal wie wir uns fühlen – die Zukunft trotz allem uns gehören kann.

Wir müssen lernen, uns dem Unerträglichen zu stellen und zu sehen ob es wirklich unerträglich ist. Wir wissen noch nicht, wie das geht. Jemand muss es herausfinden. Ich denke, NC-ler haben von allen die beste Chance.

Und was für eine große Chance! Ich meine das wirklich, was für eine große Chance! Niemand hatte vor uns die Chance, darüber hinwegzukommen, wie schwer das Leben gewesen ist. Wir haben die Chance, dies zu tun, und es allen anderen ein für alle Mal zu ermöglichen. Aber dazu braucht es deinen ganzen Geist, dein ganzes Bewusstsein. Dazu braucht es Entschiedenheit. Dazu braucht es eine Bewusstseinsveränderung. In gewisser Hinsicht ist das etwas anderes, als eine Entscheidung zu treffen.

Zum ersten geht es um die Dinge aus unserer Vergangenheit, aus der Vergangenheit unserer Familie, aus der Vergangenheit unseres Volkes, denen uns zu stellen wir nicht bereit sind. Bis wir uns diesen Dingen stellen, können wir uns nicht gut vorwärtsbewegen, um die Welt zu verändern. Wir haben gute Fortschritte gemacht, und das eröffnet uns die Möglichkeit, einmal etwas ganz anderes zu machen.

Es gibt einen Zweig der Mathematik, der Katastrophentheorie heißt. Er rührt daher, dass viele Dinge sich nach und nach verändern, sich langsam biegen und dann plötzlich brechen. Nicht jede Veränderung ist ein gleichmäßiger Prozess. Es gibt Offenbarungen. Oh! Und plötzlich verändert sich dein Weltbild. Ich denke, wir haben mit schrittweisen Veränderungen Gutes erreicht. Wir haben an Boden gewonnen, Raum und Beziehungen geschaffen. Aber vielleicht machen wir nicht einfach ewig mit denselben Sachen weiter. Vielleicht gibt es einen Bruch. Können wir es wagen, zu sehen, ob das wahr wird?

Kannst du deinen Geist, dein Bewusstsein verändern? Egal, was dir zugestoßen ist, egal was für eine Vergangenheit es gab? Es ist immer noch dein Geist. Es gibt immer noch Möglichkeiten.

Wodurch würdest du dich aufhalten lassen? Du würdest dich durch nichts aufhalten lassen wollen. Als Kind hast du nicht gedacht, dass dich irgendetwas aufhalten könnte – bis die Erwachsenen dich doch aufgehalten haben. (Gelächter). I glaube, dass wir alle in der Hoffnung leben, dass wir das könnten ­­– Schwupp! Wir hoffen, dass wir uns, solange wir die Situation klar genug erkennen würden, bewegen könnten. Die meisten von uns würden alles Erdenkliche tun, wenn unser Kind oder Enkelkind in Gefahr wäre. Es wäre uns egal, dass wir nicht wüssten, ob wir Erfolg haben würden oder nicht.

Es kommt darauf an, dass du dich bewegst. Es ist egal, ob es funktioniert. Es ist von Bedeutung, dass du dich bewegst, dass du nicht abwartest bevor du es versuchst.

Wäre es nicht schön, jeden Tag etwas vorzuhaben, dem du dich stellen und auf das du dich stürzen kannst? Dich nicht darum zu scheren, ob du Erfolg hast? Nur darum, dass du es versucht hast und dann zu sehen, was passiert? Ich denke, dass dies die Haltung ist, die jede*r von uns diesem alten Material gegenüber einnehmen muss – den Stellen gegenüber, an denen wir so unterlegen waren, dass wir nicht länger versucht haben, die Verletzungen zu entlasten. Es ist an der Zeit, umzukehren und zurückzulaufen. Wir waren unterlegen. Das ist nicht schlimm. Es hat uns nicht umgebracht. Es ist nicht schlimm, dass wir überwältigt waren. Aber dass uns dies für alle Zeit beeinflussen sollte, dass es uns scheu machen sollte und uns abwarten macht und alte Auseinandersetzungen in dem Maße vermeiden lässt, dass wir neue Schlachten nicht entschieden genug schlagen können, das ist schlimm.

Wir müssen eine Bewusstseinsveränderung herbeiführen. Ich weiß nicht, wie ich euch dazu bringen kann. Ich würde es gerne tun. Ich will euch dazu bringen. Mehr noch, ich möchte, dass ihr selbst entscheidet, dass ihr es tun wollt und es dann auch tut. Meine Ängste und meine Ungeduld drängen mich dazu, euch dazu bringen zu wollen. Ich habe Angst, dass ihr es nicht tun werdet. Das ist ein Teil meiner Schmerzaufzeichnungen. Ich habe Angst, dass ihr eure Chance verpasst. Wie viele Milliarden von Menschen haben nie eine Chance bekommen? Wie kann ich dafür sorgen, dass ihr diese Chance bekommt?

Wie kann ich euch nahebringen, dass ich sicher bin, dass es möglich ist? Ich weiß nicht, ob ich es schaffen kann. Es ist mir sogar einigermaßen egal, ob ich es schaffen kann. (Tim lacht) Solange es irgendjemand macht. Solange wir uns vorwärtsbewegen. Wenn ich derjenige bin, dann gut. Ich bin der, über den ich selbst am meisten bestimmen kann, deshalb arbeite ich hart daran. Aber es wäre besser, wenn zehntausend von uns es gleichzeitig angingen. Ich weiß, dass wir uns gemeinsam schneller und weiter fortbewegen als irgendjemand von uns es jemals allein tun könnte. Das Wissen, dass du nicht die*der Einzige bist, die*der es wagt, es mit aller Kraft zu versuchen, kann deine Sichtweise ganz schön verändern. Mehr kann ich euch dazu nicht sagen. Mehr kann ich euch dazu nicht zeigen. Ich fordere euch heraus. Lasst uns sehen, was wir schaffen können.

Gerade jetzt finden auf der Welt neue Entwicklungen statt. Die menschliche Intelligenz erschließt sich mehr und mehr Dinge. Auf der einen Seite ist das wunderbar. Auf der anderen Seite gibt es den Schmerzaufzeichnungen mehr und mehr Macht, sich auf breiterer Basis ausspielen zu lassen. Wir Menschen sind in keiner schlechteren Verfassung als vor drei Jahrhunderten. Aber damals waren wir nicht in der Lage, die Umwelt zu zerstören. Jetzt sind wir es.

Wir haben also all diese Entwicklungen um uns herum, und wir haben uns selbst – die wir uns durch den Dunst der Schmerzaufzeichnungen vorankämpfen. Das läuft alles auf einen gewissen Punkt zu. (Tim lacht) Wer erreicht ihn zuerst (Gelächter), und mit genügend klarem Denken, um was genau zu tun? Wir werden sehen. Warten wir’s ab.

Wir schaffen das ­– die Frage ist nur, wie schnell und wie konsequent. Meiner Erfahrung nach geht es gemeinsam am Besten, mit einer Person, die das Problem so genau wie möglich darlegt und wo dann alle die Chance haben, es zu probieren. Und zwar sofort. Je länger die Verzögerung, desto weniger erfolgreich sind wir. Wir verlieren den Mut, wenn wir voneinander getrennt sind. Wenn wir nichts von den Anstrengungen der anderen mitbekommen. Wenn wir nicht gegenseitig unsere Stimmen hören, die uns auffordern, ein großes Risiko einzugehen.

Wir werden nicht immer die richtigen Umstände vorfinden, und wenn es so ist, reduzieren wir unsere Sitzungen auf immer kleinere Dinge. Gib dir nicht selbst die Schuld daran. Es braucht Ressourcen, damit es möglich wird. Es geht um die Bedingungen, unter denen wir arbeiten. Also, sucht euch jetzt gleich vier Leute zusammen und macht einen Versuch.

Übersetzt aus dem Englischen von Matthias Wentzlaff-Eggebert und Beni Ruffiner (Mai 2017)


Last modified: 2017-06-21 16:12:09-07